Zwischen Gartenkunst und Stadtentwicklung: Besuch der Landesgartenschau Neuss
Wo früher Pferderennen den Raum bestimmten, entsteht heute ein neuer Baustein der Neusser Stadtlandschaft. Die Landesgartenschau 2026 nutzt das Gelände der ehemaligen Galopprennbahn nicht nur als temporären Ausstellungsort, sondern als Ausgangspunkt für eine langfristige Neuordnung von Freiraum, Stadt und Landschaft.
Am 3. Juli 2026 besuchte das Schmale Architekten Team die Landesgartenschau Neuss. Nach den vorausgegangenen Exkursionen zu den Villen Haus Lange und Haus Esters in Krefeld sowie zur Baustelle des Stadtquartiers Dormagen-Horrem richtete sich der Blick diesmal auf die Frage, welche Rolle Landschaftsarchitektur als dauerhaftes Instrument der Stadtentwicklung übernehmen kann.
Von der Galopprennbahn zum neuen Stadtpark
Auf dem rund 38 Hektar großen Gelände der ehemaligen Neusser Galopprennbahn ist mit der Landesgartenschau 2026 ein neuer Stadtpark entstanden. Grundlage der Umgestaltung ist ein freiraumplanerisches Gesamtkonzept, das die charakteristische Offenheit des ehemaligen Rennbahngeländes aufnimmt und durch einen neuen Baumrahmen, fünf unterschiedlich programmierte Haine sowie ein differenziertes Wegenetz weiterentwickelt. Mehr als 2.200 neu gepflanzte Bäume, artenreiche Wiesen, Biotopflächen sowie neue Sport-, Spiel- und Aufenthaltsangebote bilden die dauerhafte landschaftliche Grundstruktur des Parks.
Dabei wird die Geschichte des Ortes nicht überschrieben, sondern in die neue Parkstruktur integriert. Das historische Geläuf bleibt als landschaftliches Band ablesbar; Sandbahn, Richtertürme und Teile der ehemaligen Rennbahngebäude wurden erhalten oder neuen Nutzungen zugeführt. Auch der Hammfeldhof mit seinen früheren Stall- und Wirtschaftsgebäuden wurde als Veranstaltungs-, Begegnungs- und Gastronomieort weiterentwickelt. Selbst das Neusser Bürger-Schützenfest bleibt als historisch verankerte Nutzung Bestandteil des neuen Parks.
Die Landesgartenschau wird damit nicht als vollständiger Bruch mit der Vergangenheit verstanden. Vielmehr werden vorhandene räumliche Strukturen, neue landschaftsarchitektonische Eingriffe und zukünftige Nutzungen zu einer neuen Schicht des Ortes verbunden.

Eine Einladung in die Zukunft
Die Landesgartenschau in Neuss 2026 öffnet am 16. April 2026 und endet offiziell am 11. Oktober 2026. Nach wenigen Monaten verschwinden Ausstellungen, Schaugärten und Veranstaltungsflächen wieder aus dem öffentlichen Blick. Ihre Wirkung auf die Stadtentwicklung reicht jedoch deutlich weiter. Für Markus Schmale liegt genau darin der besondere Wert dieses Formats. „Eine Landesgartenschau ist zwar temporär, aber sie ist immer zugleich eine Einladung in die Zukunft. Sie zeigt uns für einen Moment, wie unsere Städte aussehen könnten, wenn wir dem Grün wesentlich mehr Raum geben. Das Entscheidende ist deshalb nicht nur die Gartenschau selbst, sondern die Entschlossenheit, diese Zukunft schon heute anzulegen. Dazu gehört es auch, große Bäume zu pflanzen, die Schatten spenden, ihre Umgebung kühlen und das Stadtklima langfristig verändern. Angesichts des Klimawandels müssen wir Grün nicht mehr als Ergänzung der Stadt verstehen, sondern als einen wesentlichen Teil ihrer Infrastruktur, ein Verständnis, das wir bei Schmale Architekten in all unseren Projekten konsequent mitdenken und fördern“, so Dipl.-Ing. Markus Schmale, Architekt BDA.
Gerade die mehr als 2.200 dauerhaft gepflanzten Bäume machen diesen Anspruch in Neuss räumlich erfahrbar. Ihre Bedeutung erschöpft sich nicht in der Gestaltung des Parks. Stadtbäume bilden eine Form grüner Infrastruktur: Ihre Kronen verschatten Wege und Aufenthaltsflächen, über die Verdunstung von Wasser tragen sie zur Abkühlung des Mikroklimas bei und können damit den Auswirkungen zunehmender sommerlicher Hitze entgegenwirken. Gleichzeitig entstehen neue Lebensräume, die die urbane Biodiversität stärken und das ökologische Netz innerhalb der Stadt verdichten.
Landesgartenschau als Stadtentwicklungsprojekt
Die Neusser Landesgartenschau entfaltet ihre besondere Qualität vor allem durch die enge Verknüpfung mit der langfristigen Stadtentwicklung. In zentraler Lage zwischen Innenstadt, Hafen, Hammfeld und Rhein gelegen, wird der neue Bürgerpark zum verbindenden Freiraum und erweitert dauerhaft das innerstädtische Grünsystem. Besonders relevant ist die Entwicklung des angrenzenden Hammfelds I. Das bislang überwiegend gewerblich geprägte Gebiet soll zu einem gemischten Stadtquartier mit Wohnen, Arbeiten und Versorgung transformiert werden; perspektivisch sind hier bis zu 1.500 Wohnungen vorgesehen. Eine neue Grün- und Wegeverbindung soll den Park über das Hammfeld mit dem Rhein verknüpfen und ihn so zum künftigen Quartierspark eines sich wandelnden Stadtteils machen.

Entscheidend ist dabei, dass Freiraum- und Stadtentwicklung parallel gedacht werden: Der Park entsteht nicht als Reaktion auf fertige Baukörper, sondern als vorgelagerte grüne Infrastruktur, die die weitere bauliche Entwicklung strukturiert und lenkt. Aus dem ehemaligen Rennbahngelände wird so ein öffentlicher Raum, der bestehende und zukünftige Stadtteile miteinander vernetzt. Die Landesgartenschau wirkt dabei als Katalysator städtebaulicher Prozesse, deren Wirkung weit über 2026 hinausreicht.
Dauerhafte Struktur und temporäre Gartenkunst
Zentral für das Projekt ist das Zusammenspiel von temporärer Ausstellung und dauerhafter Parkstruktur. Diese Überlagerung unterschiedlicher Zeithorizonte prägt die planerische Logik einer Landesgartenschau. Während Schaugärten und Ausstellungsbeiträge zeitlich begrenzt sind, bildet die landschaftsarchitektonische Grundstruktur – mit Baumsetzungen, Wegen, Wiesen, Biotopen sowie Sport- und Aufenthaltsflächen – das langfristige Gerüst des Bürgerparks. Der Entwurf muss daher zugleich Ausstellungsraum und dauerhaft funktionierender Stadtraum sein. Daraus ergibt sich ein verändertes Verständnis von Nachhaltigkeit: Nicht die unveränderte Bewahrung einzelner Elemente ist entscheidend, sondern die Frage, ob aus dem temporären Ereignis eine robuste, langfristig tragfähige räumliche Struktur entsteht.
Ein Park als langfristiger Stadtbaustein
Nach dem gemeinsamen Rundgang bestand Gelegenheit, die unterschiedlichen Bereiche der Landesgartenschau individuell weiter zu erkunden und die zuvor diskutierten Zusammenhänge zwischen Gartenkunst, Landschaftsarchitektur und Stadtentwicklung aus eigener Perspektive zu betrachten. Gerade in der Verbindung dieser Maßstabsebenen liegt die besondere Qualität des Projekts. Die Landesgartenschau schafft nicht lediglich für sechs Monate einen attraktiven Ausstellungsraum. Mit dem neuen Bürgerpark entsteht vielmehr ein dauerhafter Stadtbaustein, der ökologische Funktionen, Freizeit- und Erholungsangebote, historische Spuren und neue städtebauliche Entwicklungen miteinander verbindet.
Damit zeigt Neuss exemplarisch, welches Potenzial eine Landesgartenschau entfalten kann, wenn sie von Beginn an als Teil einer langfristigen Stadtentwicklungsstrategie verstanden wird. Der eigentliche Erfolg des Projekts wird sich deshalb nicht allein an den Besucherzahlen des Jahres 2026 messen lassen. Entscheidend wird sein, welche Rolle der neue Park in den kommenden Jahrzehnten für die Verbindung von Innenstadt, neuen Quartieren und Rhein sowie für die Lebensqualität der Stadt insgesamt einnehmen wird. Die Voraussetzungen dafür sind bemerkenswert gut.


